Kein Kopf ohne Gefühle


Um es vorweg zu sagen:

  1. Unsere Gefühle entstehen nicht im Herzen, sondern im Zusammenspiel zwischen physiologischen Reizen und neuronalen Signalen.

  2. Ohne Gefühle und nur mit rationalen Argumenten kann der Verstand keine Entscheidungen treffen.


Falscher Volksmund

Wer kennt nicht die Formulierungen „Triff eine klare Entscheidung“, „Gefühlsduselei“, usw. Dabei werden klar der Affekt, das Herz, die Gefühle, unsere emotionale Seite gegen unseren Verstand, unser Herz, unsere Gedanken und unsere rationale Seite ausgespielt. Das Erbe der europäischen Aufklärung ist, dass der Verstand natürlich das Bessere ist. Dabei sind Herz und Hirn keine zwei sich bekämpfenden Systeme, sondern nur zwei verschiedene Seiten eine Medaille. Und diese lässt sich nicht trennen.

Und unsere Gefühle sind keine dumpfen, störenden Steinbrocken, die auf der schönen Teerstraße des Verstandes dummerweise immer wieder mal daliegen. Gefühle sind eher vergleichbar mit facettenreichen, wertvollen Mosaiken, die das gesamte Spektrum menschlicher Empfindungen abbilden. Sie sind keine quantitativen, messbaren Erlebnisse, sondern qualitative! Körper und Geist beeinflussen sich ständig gegenseitig und die Grenzen sind hier oft fließend.


Verstand allein schafft keine Zivilisation

Weil wir immer wieder unzufrieden mit einem Teil unserer Umwelt sind und es immer noch etwas bequemer gehen könnte, hat der Mensch großartige Dinge entdeckt. Der erste Impuls war immer Unzufriedenheit – ein Gefühl. Dann erst begann das Nachdenken. Dadurch dass Gefühle gezieltes Handeln motivierten, entstanden erst Ziv


ilisation und Kultur, Kunst, Philosophie, Religion, Politik, Wissenschaft und Technologie.

Ein wohliges Heim, schützende Kleidung, Werkzeug oder Waffen sind die konkrete Antwort auf Gefühle: Hunger und Durst, Hitze oder Kälte, Angst und Schutzbedürfnis.

Auch die Religionen können so als emotionale Antwort auf Verlust und Trauer, Angst, Schrecken und Wut verstanden werden. Das urmenschliche Bedürfnis nach Sicherheit und Erlösung wird befriedigt. Der übergeordnete Sinn bietet eine mögliche Erklärung, um den unbegreiflichen Tod zu begreifen.


Auch Musik, Tanz, Malerei und Lyrik bieten eine Antwort auf all die schweren Empfindungen. Diese bilden das ganze Spektrum menschlichen Erlebens ab und sorgen so auch in düsteren Zeiten für Ausgleich und Gleichgewicht, die sogenannte Homöostase.



Homöostase

Mittlerweile weiß man, dass manche Bakterienarten sich zu Gruppen zusammenfinden, um ihren Zugang zu bestimmten Ressourcen zu verbessern oder sich gegen Feinde zu verteidigen. Wenn einzelne Mitglieder die Kooperation verweigern oder versuchen, schmarotzerhaft vom Verhalten der Mehrheit zu profitieren, können sie von anderen Mitgliedern zurechtgewiesen oder gar aus der Gruppe ausgeschlossen werden.

Homöostase bedeutet wortwörtlich „Gleichstand“. Allgemein bezeichnet das Wort die Selbstregulierung eines offenen, dynamischen Systems. In der Biologie ist es die Selbstregulation aller lebenserhaltenden Prozesse und die fortwährende Anpassung.

Unsere Gefühle geben uns detaillierte Informationen über den Zustand unseres Körpers und sind so ein wichtiger Teil in der Homöostase. Unsere Gefühle zeigen uns, wie die lebenserhaltenden Prozesse im Inneren sind. Nur so kann unsere Selbstregulation funktionieren.

Natürlich beziehen sich unsere Gefühle primär nur auf unser eigenes Wohlbefinden. Jeder kümmert evolutionsbedingt sich zuerst um sein Überleben. Der große Sprung, der für mich den Menschen kennzeichnet, ist, es genauso zu machen wie die oben erwähnten Bakterienkolonien: Erweiterung der Homöostase auf kleine, homogene Gemeinschaften (Familie, Freunde) und vor allem auf große, heterogene Gruppen (Kulturen, Gesellschaften, Nationen). Erst hier zeigt sich, ob wir uns vom Bakterium wirklich unterscheiden.


Schwierigkeiten in der Gemeinschaft

Theoretisch und im Verstand funktioniert die Homöostase auch in großen Systemen. Unsere inneren Bilder sind aber von unserer subjektiven Wahrnehmung geprägt. Und die ist bei jedem Menschen anders. Die Einzigartigkeit unserer Wahrnehmung, macht die Subjektivität unserer Erfahrung aus. Und je nach dem, wie unser Gehirn diese verschiedenen Impulse interpretiert entsteht Persönlichkeit. Das Gehirn färbt dann jede Erfahrung nochmals mit einer bereits gemachten Vorerfahrung ein. Verstand und Gefühl sind in ständiger Wechselwirkung. Und so entsteht kreative Intelligenz.

Jeder Mensch ordnet seine Eindrücke zu einem sinnvollen Ganzen. Ob aber diese individuelle Sortierung kompatibel mit anderen Menschen ist, bleibt offen. Als Mensch sind wir in einer Doppelrolle: Wir können sowohl das Geschehen in uns als auch das um uns herum verfolgen. Wir können unser eigenes Innenleben beobachten und zugleich die Welt, die uns umgibt. Das Wissen über diese Doppelrolle könnte man Bewusstsein nennen.

Für mich als Musiker sind es immer wieder Glücksmomente ein gemeinsames Bewusstsein im miteinander Musizieren erleben zu dürfen.


Inspiriert wurde dieser Text durch das Buch „Im Anfang war das Gefühl“ von Antonio Damasio


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