Hör mir mal zu!

Aktualisiert: 29. Okt 2019

Wer kennt diesen Satz nicht? Er wird oft im Alltag verwendet, entweder um sich Gehör zu verschaffen oder um jemand zurecht zu weisen. Meist ist der Tonfall nicht der allerfreundlichste. Ich möchte wieder einmal unsere Alltagssprache benutzen, um das nicht geheime Geheimnis zu ent-decken. Worte sind Brücken, die uns helfen rüber zu gehen. Anhand der Wortkette „hören – zuhören – hinhören – hinzugehören“ lässt sich das sehr schön zeigen.


Hören

Zu einen bezeichnet dieses Wort alles, was wir über das Ohr aufnehmen (vernehmen, wahrnehmen), zum anderen schwingt indirekt die Bedeutung „zugehörig“ („mir gehört etwas“) mit. Der Gedanke dahinter ist, dass das was ich in mich aufnehme (z.B. ein Wort oder eine Information) in mir ist und also mir gehört. Und alles, was mein ist, hört auf mein Wort. Hier kommen wir schon das erste Mal darauf, welche Bedeutung ein gesprochenes Wort hat. Interessant ist auch einen kurzen Blich auf die Silbe „ge-“ zu werfen („etwas ge-hört mir“): „ge-“ ist im Deutschen eine sogenannte Sammelsilbe, die die Gesamtheit einer Sache zusammenfasst. Beispiele hierfür sind: Berg – Gebirge, Busch – Gebüsch, Wasser – Gewässer, Holz – Gehölz. Dies wird auch numerologisch bestätigt: ge = 7 + 5 = 12 = 3. Drei ist die Zahl der Dreieinigkeit. Die Gesamtheit der Schöpfung repräsentiert die Drei und diese manifestiert sich in der vier.

In alten Zeiten hieß es, dass der Glaube vom Hören kommt. Zusammen mit der vorigen Information ist so auch das Wort Gehorsam gut erklärt. Ein weiteres interessantes Wort ist: hörig sein.

In der Regel des hl. Benedikt heißt es an Gott gewandt: „Neige deines Herzens Ohr“, womit klar um Wohlwollen und das offene Ohr Gottes gebeten wird.


Zuhören

Die Silbe „zu-“ suggeriert ganz klar: etwas ist verschlossen. In diesem Fall meine Ohren. Wenn jemand mittlerweile zu-hört, dann ist er in seiner Welt gefangen und hört nicht wirklich. Er ist ja zu.

Oben habe ich schon angedeutet, welche Macht ein Wort haben kann. Und im Jin Shin Jyutsu wissen wir, dass das Bewusstsein des Praktikers die Ebene der Heilung bestimmt. Also sollten wir uns fragen: wie bewusst benutzen wir dieses Wort? Hören wir zu? Oder hören wir hin? Anhand der Körperhaltung, der Stimme, der Mimik, der Atmosphäre kann jeder Mensch klar wahrnehmen, wie der andere gerade hört.

In früheren Zeiten bezeichnete die Silbe „zu-“ eine zielgerichtete Aktivität. Ich habe mich dem anderen ganz zugewandt. Dies setzte aber voraus, dass ich mich selbst kenne und lauschen kann. Auch ein numerologischer Blick verrät Interessantes: zu = 26 + 21 = 47 = 11 = 2. Und zwei ist die Zahl des DU.


Hinhören

Andere ähnliche Worte hierfür sind: lauschen und horchen. Lauschen kann nur, wer sich auf-macht. Ich kenne mich selbst und daher kann ich mein Ohr jemand anderem leihen, ich werde ganz Ohr. Ich habe keine Angst, dass meine Bedürfnisse zu kurz kommen. Nur aus der Haltung „Jetzt erkenne ich mich selbst“ heraus ist wahres hinhören und Ohr sein möglich. Ich gebe mich hin, aber nicht auf. So bin ich ganz beim Anderen. Und doch bei mir. Sollte noch Angst im Spiel sein, wird es immer ein unfreiwilliges gehorchen geben.

Die Silbe „hin“ hat den Zahlenwert 4 (8 + 9 + 14 = 31 = 4) und bedeutet: etwas nimmt Gestalt an. Und das Großartige, das sich hier bilden kann, ist im folgenden Wort wunderbar ausgedrückt.


Hinzugehören

Sobald ich meine eigene Insel („zuhören“) verlassen und mich auf den anderen eingelassen habe („hinhören“), passiert ein Wunder. Sprachlich bestätigt in der Silbe „ge-“. Ich gehöre zu etwas größerem, es ist Ge-mein-schaft ent-standen. Wir haben uns aufeinander zubewegt oder vielleicht besser hinbewegt?

Die Zahl Acht symbolisiert genau dieses: zwei Inseln, die in Verbindung/Beziehung miteinander sind. Und Unendlichkeit bedeutet auch: Sprengen der eigenen Grenzen.


Anwendung in der Praxis

Ich habe schon mehrere Situationen in meinem Alltag erleben dürfen, in denen das richtige Wort im richtigen Moment Türen, Gesichter und Körper geöffnet hat. Das eindrucksvollste war der Ausgleich einer Beinlängendifferenz um einige Zentimeter. Der Mann kam zu mir wegen Beschwerden beim Gehen. In der Dorn-Therapie gibt es eine Technik die Beinlängendifferenz zu messen, was ich zu Beginn auch tat. Dann ging ich auf Tuchfühlung an den Beinen. Ich sagte dem Mann meinen Eindruck, den ich von seinen Einsen, Achten, 15ern und 23ern hatte, wofür diese Bereiche stehen und wie mögliche Zusammenhänge sein könnten. Der Mann bestätigte mir meinen Eindruck mit seinen eigenen Worten und während ich noch die Pulse lauschte, ging ein ganz kleines unmerkliches Zucken durch den Körper. Daraufhin maß ich nochmals die Beinlängendifferenz und beide Beine waren ausgeglichen! Das war für mich ein eindrucksvolles Beispiel, wie wichtig es ist beim Strömen das richtige Wort bzw. den richtigen Klang zu verlauten, um wieder ins Schwingen zu kommen.

Ich stelle mir daher immer die Fragen: Auf welcher Ebene höre ich das Wort? Auf welcher Ebene antworte ich?

Mir kommt der Kanontext in den Sinn „Ich will dir danken, weil du meinen Namen kennst“. Anscheinend habe ich im obigen Beispiel die Beschwerden im richtigen Ton mit ihren Namen ansprechen können. Das beweist wieder die Macht des gesprochenen Wortes. Sobald ich etwas benennen kann, habe ich einen Handgriff und Macht über die Sache. Das wird in der biblischen Schöpfungsgeschichte dadurch ausgedrückt, dass Adam allem einen Namen geben darf. Und in unserem Volksglauben steht dafür das Rumpelstilzchen. Sobald sein Name bekannt war, war es nicht mehr Herr über sich selbst. Es konnte beim Namen gerufen werden.

Um eine Behandlung gut abzuschließen, frage ich „Was kannst du tun?“ So nehme ich meinen Klienten nochmals ganz war und höre zudem, wo er steht. Es ist dann auch klar, dass mein Teil für heute beendet ist und dass jetzt er wieder auf sich und seinen Körper neu hören kann.

Ausblick

Ich hoffe, hier einige Impulse gegeben zu haben, um auch unseren Alltag wieder etwas bewusster und freier leben zu können. Es wäre schön, wenn der letzte Schritt weiter vom „Aha“ zum „Haha“, zur großen kosmischen Freude gehen könnte.

Zum Abschluss ein Klassiker. Eichendorff hat einige der obigen Gedanken schon vor langer Zeit als gelungene Quintessenz seiner dichterischen Arbeit so formuliert:


Schläft ein Lied in allen Dingen die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.

Albin Wirbel, Jin Shin Jyutsu-Praktiker in Kaufbeuren. Der Text darf mit Nennung des Autorennamens gern weiter verwendet werden.

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